Ein Zukunftsmärchen

Gerade als der schöne Araberhengst Attila und ich los wollen, kommt uns mit leuchtenden Augen eine Gruppe von Kindern entgegen gerannt. Aufgeregt kommen sie vor uns zum Stehen. Kreta sagt mit ihrer liebevollen, schon fast singenden Stimme: „Weißt du, wir haben etwas rausgefunden… Die ganze Zeit wollten wir so sein wie Andere. Aber das kann gar nicht gehen, denn jeder von uns ist anderst und einzigartig.“ Attila fing an mit seinen Vorderhufen zu scharren, Freude durchflutet meinen Körper, über die Begeisterung der Kinder. Sie fuhr fort: „Zum Beispiel kann Merlin wahnsinnig toll Geschichten erzählen, was wir nicht so gut können. Aber das macht ja nichts, denn jeder kann etwas anderes gut und wir können uns gegenseitig ergänzen und dann kann es zu etwas Großem werden, wo jeder von dem Anderen profitieren kann...“ „ Das ist eine tolle Erkenntnis. Macht weiter so!“ Der Araber, der mit gespitzten Ohren lauscht, scharrt noch einmal mit den Hufen, als wolle auch er bestätigen, was die Kinder rausgefunden haben.

Mein Blick schweift hinüber zur Schmiede, in der ein schelmisch, grinsender Junge mit seinem Freund auf Eisen hämmert. Aus dem Schlosskaffee umspielen freudige Stimmen, frei von Sorgen und Lasten meine Ohren. Ich sehe wie ein paar Schüler würdevoll die Gäste bedienen und dabei Scherze nicht zu kurz kommen lassen. Gegenüber vom Kaffee ist eine Familie, die gerade Lehm in ihre Kutsche lädt, womöglich für ihr Haus auf ihrem Landsitz. Wie schön es doch ist, dass die Zeiten, in der noch motorbetriebene Blechkisten die Gegend unsicher machten vorbei sind… Stattdessen freuen sich die Tiere, die Menschen in ihrem Tun zu unterstützen.

Das Geräusch einer Handsäge zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. Freude breitet sich in mir aus, denn Alfons macht so wundervolle Möbel, dass ich sie mir sofort anschauen muss. Ich reite zu ihm und komme wie immer aus meiner Begeisterung nicht hinaus. Diese Möbel stecken so voller Kunst und Ausstrahlung, als hätte jedes einzelne Stück eine Seele. Ich könnte stundenlang diese besonderen Möbel betrachten, jedoch sieht das Attila anders. Er mag es gar nicht, wenn er stehen muss… Na gut, dann laufen wir eben weiter. Wir reiten vorbei an der Schule, dem Schloss, geradewegs den Berg hinauf. Dabei grüßen uns freundlich die Menschen, die soeben für das morgige Ernte-Dank Fest alles  vorbereiten und schmücken. Ein paar Kinder bemühen sich, einem Hund das Tragen eines Korbes beizubringen, damit er ihnen helfen kann.

Wir reiten durch die Allee, vorbei an der schönen, jahrhunderte alten Parkmauer, die immer noch die Energie des Parks bewahrt. Die Vögel beginnen uns ein schönes Lied zu singen. Ein sanfter Wind umspielt unsere Ohren. Er lässt die Bäume klingen und passt sich dem Takt unserer zweier Herzen an. Wie schön es doch einfach ist… "Vielen Dank!" Als ob sie meine Gedanken gehört haben, werden die Klänge immer kraftvoller.

Am Ende der Allee merke ich, wie meine Augen zu den Obstbäumen wandern, welche von einigen Familien geerntet werden. Tanzend und lachend ernten sie alles, was die Natur uns gerade bietet. Ein paar Meter weiter bleibt Attila für einen Moment auf einer Erhöhung stehen und ermöglicht uns ein Blick hinunter auf das tolle Kieswerk. Der Sand glitzert in rötlichen und orangenen Farben, da die Sonne gerade am Untergehen ist und noch kraftvoll ihre warmen Farben ausstrahlt. Eine angenehme Ruhe erhellt unsere Ohren. Jedoch nicht nur unsere, sondern auch die von Lioba und ihren Kindern… Lioba ist eine weiße Wölfin, sie liebt das Kieswerk und wenn der Abend und die Ruhe einbrechen, zeigt sich die kleine Familie. Sie tobt mit ihren Kindern im Sand herum, dass die Elemente nur so miteinander verschmelzen und gemeinsam zu tanzen beginnen.

Hinter uns ertönt auf einmal ein langes, lautes Donnern. Völlig aus den Gedanken gerissen, drehen wir uns fast zeitgleich um… Hinter den Sträuchern und kleinen Bäumen lugen uns gespitzte Ohren entgegen. Mit freundlichem Pferdegrummeln und leisem Wiehern werden wir begrüßt. Wie toll diese Tiere doch nur sind! Erwartungsvoll blicken einige erst zu mir, dann zu Attila. „ Ich bringe euch euren Attila nachher zurück.“

Attila trägt mich weiter einen Weg, der hinunter zu den Familienlandsitzen führt. Der Weg ist kurvig und an den Wegesrändern wachsen Sträucher voll Beeren, die so prächtig dastehen wie noch nie. Jedes Jahr geben sie sich noch mehr Mühe. In einem Teich plantschen Enten, die laut anfangen zu quaken als wir vorbei kommen. Immer wieder sehe ich durch die schönen, hoch gewachsenen Hecken, die Umrisse eines der kunstvollen Häuser und die jeweiligen Menschen, die mit Würde und Ehre ihren Familienlandsitz pflegen.

Ein zufriedenes Schnauben ertönt von dem wunderschönen Araber. Er liebt es wohl genauso wie ich, durch unser erwachtes, wedisches Dorf zu spazieren.

19.11.2016 Lea - Marie