Rund ums Schloss

Ein altes, modernes Märchen

... eine wunderschöne alte Stadt an einem Fluss, mit alten Gassen und Gemäuern. Einige Gebäude in gutem Zustand, andere wiederum hätten viele Taler nötig um erhalten zu werden. Das Stadtoberhaupt, seine Räte, seine Minister samt Gefolge waren sehr bedacht diese Schönheit zu erhalten und zu pflegen. Jedoch ist guter Rat teuer, wenn im Stadtsäckel immer weniger Taler liegen. Somit wird von der städtischen Obrigkeit jeder Interessent eines Baudenkmals mit offenen Toren empfangen.

Eines Tages klopfte ein Edelmann aus fernen Landen bei den Ministern an und bat um Vorsprache. Sein Interesse galt einem Schloss, etwas entlegen dieser Stadt. Dieses Schloss war zwar auch in die Jahre gekommen, doch die alte Schönheit konnte man noch ahnen. Ganz zu schweigen von den Spuren des alten Sgraffito-Putzes, mit verschiedenen Motiven. War dieser doch an der Front noch deutlich zu erkennen, was für eine Seltenheit! Von fachlichen, hohen Herren als besterhalten in diesen Landen bezeichnet. Ach wie war man seitens der Herren Minister froh, in Aussicht auf Verkauf dieses Anwesens. Somit konnte man sich gleichzeitig eines erheblichen Sorgenkindes entledigen. Wie viele Taler könnte man wohl noch bekommen?

In Anbetracht dessen, dass man eigentlich froh war dieses Gemäuer mitten auf dem Lande bald veräußern zu können, durften die Räte den Edelmann mit ihren Preisvorstellungen nicht erzürnen. Keinerlei Misstrauen und Zweifel kamen den hohen Herren auf. Was für ein Edelmann – aus fernen Landen, in edlem Zwirn, mit nobler Kutsche vorgefahren, ein Auftreten von Rang mit exzellenter Manier! Geradezu unschicklich wäre es gewesen, hätte man von diesem Edelmann noch ein Pergament verlangt, wo er seine Taler und sein Hab und Gut aufgelistet hätte um seinen Reichtum zu belegen! Dieses ehrwürdige Gemäuer kommt in keine armen Hände, dies waren sich die hohen Herren und Räte wohl sicher. Vom beruflichen Stande des ehrwürdigen Herren auszugehen, sogar in recht fürsorgliche, fachmännische Hände! Somit kam es zu einem Kaufvertrage auf großem Papiere. Weder Aufgaben noch Termine wurden dem Edelmann zur Erhaltung mit auf den Weg gegeben. Die Taler wechselten über den schweren, großen Eichentisch im stattlichen Rathause der Stadt den Besitzer. Waren jetzt wirklich 2 Seiten glücklich?

Vor etlichen Jahren feierte das einfache Volk auf dem Dorfe rund um das Schloss ein turbulentes und ausgelassenes Fest. Dies nahm der Edelmann samt Familie zum Anlass, die Schlosstüren für all das neugierige Fußvolk einmal zu öffnen. Neugierigen Blickes und in Erinnerungen schwelgend besuchte das Volk nach Jahren wieder diese großen, lichtdurchfluteten Räume. Waren doch für viele Besucher Kindheitserinnerungen aus Kindergartenzeiten mit diesem Gebäude verbunden.

Inzwischen ist so manches Jahr ins Land gegangen. Sämtliche Naturgewalten, seien es Wind, Regen, Frost und Schnee setzten dem ehrwürdigen Gemäuer zu und schmälerten seine Schönheit und seine Standhaftigkeit zusehends. Waren dem in der Ferne lebenden Edelmann die Taler ausgegangen, hatte ihn der Mut verlassen? Mit Unmut und Unverständnis und argem Kopfschütteln beobachtete das einfache Volk den Stillstand und den steten Verfall des Gebäudes.

Inzwischen lockte solch ein Leerstand auch das Gesindel und das Diebesvolk an, nicht unbedingt vom anderen Ufer des Flusses. Auch andere wussten von den Naturalien und Edelmetallen im Hause, welche man gut zu Talern umsetzen konnte. Nicht genug des Diebstahls, mit „Pech und Ruß“ beschmierte man die Wände und ließ seine Kräfte an so manchen Materialien und Bauelementen aus. In heutiger Zeit könnte man keine Türen fürs Volk mehr öffnen – ein Trauerspiel, vielleicht im letzten Akt - käme zum Vorschein!

Inzwischen kam durch fliegende Händler und Boten auch in dem Städtchen die Kunde an, die ehrwürdige Familie des Edelmannes würde noch etliche Besitztümer, verstreut im ganzen Lande, sein Eigen nennen. Da staunte man nicht schlecht, denn eben der miserable Zustand und der Verfall des Schlosses kam auch den hohen Herren der Stadt zu Ohren. Man versuchte in der weiten Ferne mit dem Edelmann in Kontakt zu treten, mancher Bote wurde zwecks Klärung entsandt. Welche wichtigen Pergamente getauscht und welche Wortgefechte geführt wurden, dies erfuhr das Fußvolk nicht. Nun sahen sich die Räte und hohen Herren in der Pflicht dieses Gemäuer endlich zu schützen, die gesammelten Taler und aus einem anderen Töpfchen zur Verfügung gestellte Taler wurden dafür verwendet. Zum Schluss riefen die hohen Herren der Stadt, fast 7 Jahre nach dem Kauf, einen Trupp ihrer Handwerkerschaft zusammen um eine Notsanierung des Daches einzuläuten und größeren Schaden und Unheil abzuwenden. Dieser Schutz scheint nun nach 8 Jahren auch Federn gelassen zu haben und leistet gegen die Naturgewalten auch keinen großen Widerstand mehr.

Jedoch gab es dann fast 8 Jahre nach dem Kauf eine Meldung aus der Ferne, auf einem großen Pergament, an alle verteilt. Der Edelmann teilte hiermit der großen Masse mit, er habe dieses Schloss seinem minderjährigen Sohne ans Herz gelegt, bzw. auf dem Papiere überschrieben. Beide Söhne besuchen noch die hohe Schule und wenn der Abschluss des Abiturs in der Tasche sei, denke man daran in diese Gegend zu ziehen. Damit war der Stillstand zu erklären. Denn greif` mal einem Minderjährigen in die Tasche, da findet man keine Taler, schon gar keine großen Taler um eine Schlosserhaltung zu wagen. Vom Regen in die Traufe, Pech nur für das Gebäude. Erstaunlich nur, wie lange in fernen Regionen des Landes die Abiturientenzeit dauert. Aber in einem Märchen ticken große, alte, wertvolle Regulatoren wahrscheinlich in einem anderen Takt.

Voriges Jahr fühlte sich der Edelmann genötigt sich mit einem Pergament an das Volk zu wenden. Wo man Folgendes entnehmen konnte, er stehe mit den hohen Herren des Rates in keinem erlauchten und friedvollen Wortwechsel. Missverständnisse, Gesetzlichkeiten und Denkmalschutz würden seine längst überfällige Bautätigkeit behindern, bzw. gar nicht erst ermöglichen.

Märchenhaft - in fast 4jährigen Abständen werden neue, sagenhafte Gründe dem Volke verkündet, um allen plausibel zu machen, warum ein vor fast 14 Jahren gekauftes Kleinod verfällt, verkommt, vergammelt. Vielleicht nimmt der Edelmann den ehrwürdigen Vorschlag des Volkes an, zu diesem zutiefst traurigen Thema einen Hofnarr einzustellen, dieser könnte das Thema etwas auflockern und ins Lächerliche ziehen.

Ein Edelmann im feinen Zwirn, der durch seine Zunft den Baukünsten sehr eng verbunden ist, überlässt seit 2001 sein Eigentum sich selbst und den Launen der Natur. Blutet ihm nicht das Herz beim Anblick und dem Verfall dieses Schlosses? Aber da wir hier von einer Märchenwelt sprechen, die eigentlich sehr nahe liegt, können wir auch das „Kalte Herz“ mit ins Gespräch bringen und das kann nicht bluten.

Märchen beginnen sehr häufig mit den drei Worten „Es war einmal“. Wollen wir hoffen, von diesem zeitnahen Märchen beginnt bald ein neues Kapitel, mit den vielsagenden Worten „Es wird bald einmal…    “

Kerstin Hildebrand April 2015